Montag, 2. April 2007

Berlin, 2. voller Tag

Frisch gewagt ist halb gewonnen. Ein anstrengender Tag liegt vor uns.

An einer Bushaltestelle steigen wir aus und sind auf dem Weg zum Brandenburger Tor, da tut sich rechts von uns etwas seltsames, kantiges auf, eine Art geometrisch geordneter dunkler Steinbruch.

Auf der Seite http://www.stiftung-denkmal.de/ liest der Interessierte, dass es sich hier um "Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas" handelt, "die zentrale Holocaust-Gedenkstätte Deutschlands". Sie soll nach dem Willen des Architekten und der Financiers dieses ungetümen Bauwerks, "ein Ort der Erinnerung und des Gedenkens an die bis zu sechs Millionen Opfer" sein.

Leider richten sich vereinzelte Schüler der Schulklassen, die an diesem Morgen auf das Gelände schwärmen, nicht an den "heiligen" Zweck dieses großflächigen Denkmals mit den vielen Ecken und Kanten, die sich offenbar hervorragend zum Versteckspiel eignen. Das war wohl nicht im Sinne des Erfinders. Schade eigentlich!

Und noch was: So schrecklich die Taten des NS-Regimes waren, muß es denn ein so schrecklich harter, dunkler Platz sein, der an das Schreckliche erinnert? Wir denken, dass eine lebendige Parkanlage mit vielen vielen Bäumen dem vielfachen Tode trotzen sollte, wenigstens symbolisch! Es wird von den Nachkommen der Opfer und den Nachkommen der Täter verlangt, ein monumentales Stelenfeld aus hartem Stein hinzustellen, um die Unfassbarkeit der fürcherlichen Tat vor aller Welt irgendwie darzustellen bzw. daran zu erinnern. Und genau das tun wir. Wir wäre es, genau das Gegenteil davon zu tun?

Einen lieblichen Garten an dieser Stelle zu gestalten, mit sichtbar wachsender Natur statt dunklem, scharfkantigem Granitgestein, mit lebensbejahender Farbe statt mit dunkler, mit viel Leben statt mit toter Materie? Zieht uns dieses Stelenfeld nicht eher runter als dass es uns Überlebende und Nachfahren dazu bringt, aufeinander zuzugehen und zusammen eine neue, bessere Welt zu schaffen?

Wird dieses Denkmal irgendeinen Neonazi davon abhalten, wirres Gedankengut zwischen seinen Ohren zu wälzen und auch mal mit einem Schlagwerkzeug auf hilflose oder irgendwie andersartige Mitmenschen einzuprügeln? Ich denke nicht.

Andererseits: Unweit dieser Stelle geht der großflächige Park des Tiergartens los, und eine Fortsetzung des Parks in Form einer baumbestandenen, mit Rasen bedeckten Gedenkstätte, wie hier beschrieben, hätte wohl nicht die schockierende Wirkung gehabt wie die düsteren kantigen Steinblöcke.



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Mehr von diesem die Meinung polarisierenden
Denkmal für die ermordeten Juden Europas (homepage).
Denkmal für die ermordeten Juden Europas - Wikipedia
Tourist Information: Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Virtueller Besuch des Denkmals (Flash-Player erforderlich)

Ein paar Schritte weiter sind wir beim Brandenburger Tor, das ich voller Freude durchschreite, weil ich schon etliche Male in Berlin war und ein Durchschreiten des Tors nicht möglich war.

Zwei silbern angepinselte Ost-Soldaten-Schauspieler machen sich für ihr stundenlanges Foto-Shooting bereit.

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Von Berlin: 2.4.2007


Auf dem Weg zum Reichstag fällt mein Blick auf einen kunstvoll gestalteten Kanaldeckel:

Von Berlin: 2.4.2007

Vor dem Reichstag warten Menschen aller Hautfarben und Sprachen darauf, die Panoramakuppel auf dem Reichstag besichtigen zu können. Heute soll die Schlange 3 Stunden "lang" sein. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh, dass ich schwerbehindert bin. Somit kann ich an der Schlange vorbei auf die Dachterrasse des Reichstages und hinein in die Kuppel.

Dort habe ich eine längere Fotostrecke gemacht:


Fotostrecke Reichstagskuppel: Klicken und dann in der Diaschau weiterschalten

Hinter dem Reichstag an der Spree befinden sich zwei architektonisch interessante Bundestagsgebäude und eine Gedenkstätte namens "Weiße Kreuze" für die Menschen, die hier bei der Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernparadies ums Leben gebracht wurden.












Wir gehen Richtung Hauptbahnhof und kommen wieder an die Spree.




Capital Beach Bar an der Spree



Vor dem Hauptbahnhof wartet schon ein Doppeldecker-Bus der "Berlin City Tour". Wir steigen ein und die Fahrt geht los.



Bei gutem Wetter lohnt sich eine Tour mit einem Doppelstock-Cabrio-Bus. Die Aufschrift sollte "Berlin City Tour" lauten ( www.berlin-city-tour.de ). Das Unternehmen organisiert live-kommentierte Stadtrundfahrten (1¾ -Stunden-Touren in Deutsch und Englisch) mit dem Doppeldecker Bus durch die Innenstadt von Berlin.

Die Dame am Mikrofon leistet ganze Arbeit. Dadurch, dass sie ihre Erkärung in zwei Sprachen verklickern muß, hat sie kaum mal Pause. Und genau das Fehlen einer Pause ging mir sehr auf den Geist. Gerne hätte man sich auch selbst Gedanken gemacht, doch wie soll das gehen, wenn man dauernd vollgesprochen wird. Doch wir können noch dankbar sein, dass keine Franzosen oder Spanier mit an Bord waren, sonst hätten wir noch eine dritte oder vierte Sprache gehört und uns hätte der Kopf am Ende noch mehr geschwirrt.

Schöner ist die vom selben Unternehmen durchgeführte Tour in Potsdam gewesen, die wir tags darauf mitmachten. Dort musste die Leiterin der Tour nur in deutsch erklären, konnte ab und an eine kleine Pause machen, und das tat unseren Ohren gut!

Am Reichstag ist die letzte Haltestelle,


dann geht es wieder zurück zum Hauptbahnhof. Schön bei dieser Tour ist, dass der Teilnehmer an jeder Haltestelle (= Sehenswürdigkeit) aussteigen kann und mit einem der nächsten Busse derselben Firma wieder mitfahren kann.

Wir beschließen, vor dem schon zuhause gebuchten Kabarett ("Die Distel") die altehrwürdige Institution "Konnopke's Imbiss" aufzusuchen, um eine schmackhafte Currywurst zu verdrücken.



Wer glaubt, diese Geschmacksensation im Sitzen genießen zu können, irrt! Vom Ausgang der S-Bahn noch einige Meter entfernt (wir kamen natürlich wieder mal aus dem falschen Ausgang heraus) steht man an einem Tisch und freut sich, dass der weite Weg in den Osten doch nicht umsonst war. Auf einer Insel zwischen zwei Straßen, mit der donnernden S-Bahn über dem Kiosk, lässt sich die Berliner Lebensart so recht genießen!

Dumm nur, wenn man, wie wir, nach diesem kulinarischen Glanzlicht die S-Bahn nicht Richtung Alexanderplatz, sondern Richtung Norden besteigt. Pech auch , wenn man dann zur nächsten S-Bahn Wartezeit hat, eine weiteres Mal umsteigen muß und der vereinbarte Termin zum Abholen der Karten näher rückt.

Doch wozu hat der Besucher denn ein Handy dabei. Flugs bei der Kasse des Kabaretts angerufen, schon hat man bescheid gesagt, dass man sich aufgrund des "Landei-Syndroms" (Unfähigkeit, öffentliche Nahverkehrsmittel in der richtigen Richtung zu besteigen) um ein paar Minuten verspäten wird.

Doch die Kasse der "Distel" hat den Anrufbeantworter eingeschaltet und niemand geht ran. Und das eine halbe Stunde vor Vorstellungbeginn!

Die Landeier aus Bayern kommen völlig abgehetzt ein paar Minuten vor Anfang am Haus an und sind verblüfft: Ein ganz normales Mietshaus! Rein ins Treppenhaus, ein Pfeil zeigt nach oben. Doch wo ist die Kasse zum Abholen der Tickets?

Raus aus dem Haus, dann durch ein Tor, durch einen Innenhof, in ein anderes Haus. Klar, die Kasse hat geschlossen. Mit der Sucherei ist es schon 3 Minuten nach 8, die Vorstellung läuft bereits.

Wir sind in den 2. Stock des "Mietshauses" gestiegen, wo wir eine Garderobe samt zuständiger Frau und eine andere Frau vorfinden, die vorgibt, so eine Art "Einlassdame", vermutlich "Ticket Officer-in-charge" zu sein. Ich zeige meinen Behindertenausweis und erwähne, dass die "Distel" für Behinderte mit Begleitung, so sie denn als notwendig in diesem Ausweis eingetragen ist, einen satten Rabatt gibt. So war es telefonisch abgemacht.

Die Dame meint, wir könnten schon noch rein gehen, aber für die Plätze ganz hinten, die eigentlich billiger sein sollten als die von uns gebuchten, müsse sie mehr verlangen, was im Endeffekt fast das Dreifache ergibt (*) . Weil das die Anweisungen des Chefs seien. Jawoll. Wer zu spät kommt, den straft die Bilett-Abreißerin!

Tja, wenn das gute alte Obrigkeitsdenken jede Flexibilität im Umgang mit besonderen Situationen und insbesondere gegenüber fremden bayerischen Landeiern in den Hintergrund drückt, können die Landeier auch nicht "nein" sagen zu dem großartigen Angebot und zahlen murrend und knurrend den völlig überzogenen Preis, weil sie sich nicht umsonst so abgehetzt haben wollen.

Trotzdem ist dieser politische Kabarettabend noch erfreulich zu Ende gegangen, die Kabarettisten und die Musiker haben ihr bestes gegeben.

*) Man soll es kaum glauben. Für einen Platz in Reihe 4 hätte ich mit Behindertenrabatt von 50% so um die 11 Euro bezahlt, Begleitung frei, weil notwendig. Und so löhne ich 29 Euro für einen Platz j.w.d, weil Ermäßigungen par Ordre de Mufti nicht mehr gelten.

Auf mehrere emails kam bisher keinerlei Reaktion.
Shame on you!